Nahrungsergänzungsmittel überdosieren: 7 Fehler
7 typische Fehler, die bei Nahrungsergänzungsmitteln zur Überdosierung führen: Wechselwirkungen, Risikogruppen, Höchstmengen, mit BfR-, NIH- und Cochrane-Quellen belegt.
Nahrungsergänzungsmittel gelten in der öffentlichen Wahrnehmung oft als grundsätzlich harmlos, schließlich sind es „nur“ Vitamine und Mineralstoffe, keine Arzneimittel. Diese Einschätzung ist ungenau. Einige Vitalstoffe reichern sich im Körper an, manche interagieren mit gängigen Medikamenten, und die gesetzlichen Höchstmengen für Vitamine und Mineralstoffe in Nahrungsergänzungsmitteln sind in Deutschland bis heute nicht verbindlich geregelt. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) spricht seit Jahren nur unverbindliche Empfehlungen aus, Hersteller müssen sich nicht daran halten. Dieser Artikel beschreibt sieben Fehler, die dabei besonders häufig eine Rolle spielen.
12 mg vs. 100 mg
Fehler 1: Fettlöslich und wasserlöslich verwechseln
Vitamine lassen sich in zwei Gruppen mit sehr unterschiedlichem Überdosierungsrisiko einteilen. Die fettlöslichen Vitamine A, D, E und K werden im Fettgewebe und in der Leber gespeichert und über Wochen bis Monate nur langsam wieder abgebaut. Die wasserlöslichen Vitamine, also B-Vitamine und Vitamin C, werden zum großen Teil über die Nieren ausgeschieden.
Fehler 2: Wechselwirkungen mit Medikamenten ignorieren
Vitamin K und Vitamin-K-Antagonisten (Marcumar, Warfarin): Eine stark schwankende oder zusätzliche Vitamin-K-Zufuhr kann die eingestellte Gerinnungswirkung verändern. Laut Deutschem Grünen Kreuz sollten Patient:innen unter Gerinnungshemmer-Therapie ihre Vitamin-K-Zufuhr möglichst konstant halten und jede neue Nahrungsergänzung vorab ärztlich abklären lassen. Quelle 6 Quelle 5
Vitamin E und Gerinnungshemmer beziehungsweise Thrombozytenaggregationshemmer: Laut einem Fachbeitrag von Apotheke Adhoc (PTA-Live) kann hochdosiertes Vitamin E, genannt werden 800 I.E. pro Tag, in Kombination mit Acetylsalicylsäure (ASS) das Blutungsrisiko erhöhen. Quelle 7
Calcium, Eisen und bestimmte Antibiotika: Calcium und Eisen können mit Tetracyclinen (zum Beispiel Doxycyclin) und Fluorchinolonen (zum Beispiel Ciprofloxacin) Chelatkomplexe bilden, die im Darm schlechter aufgenommen werden. Laut Pharmazeutischer Zeitung kann die Wirkstoffaufnahme einzelner Chinolone dadurch um bis zu 60 bis 75 % sinken, empfohlen wird ein Einnahmeabstand von mindestens zwei Stunden vor beziehungsweise vier Stunden nach der Antibiotikagabe. Quelle 9 Quelle 8
Fehler 3: Der „viel hilft viel“-Irrtum
Die EFSA hat ihre Bewertung der tolerierbaren Höchstaufnahmemenge für Vitamin B6 überarbeitet und für Erwachsene auf 12 mg pro Tag gesenkt, deutlich niedriger als zuvor. Zum Vergleich: Der US-Grenzwert des Food and Nutrition Board liegt laut NIH ODS bei 100 mg pro Tag. Quelle 1 Quelle 4 Viele frei verkäufliche B6-Präparate enthalten nach wie vor Mengen deutlich über der neuen EFSA-Empfehlung.
Fehler 4: Mehrere Präparate kombinieren, ohne die Gesamtzufuhr zu addieren
Ein Multivitaminpräparat, dazu ein separates Magnesiumpräparat, ein Vitamin-D-Tropfen, vielleicht noch angereicherte Lebensmittel: Einzeln moderat dosiert, kann daraus in Summe eine deutliche Überschreitung von Höchstmengen entstehen. Das BfR setzt bei Vitamin A in seinen Höchstmengenvorschlägen einen „Unsicherheitsfaktor von 2 für mögliche Mehrfachverwendung“ an. Quelle 2
Fehler 5: Hochdosis-Produkte aus dem Ausland ohne EU-Höchstmengen kaufen
Für Vitamine und Mineralstoffe in Nahrungsergänzungsmitteln gibt es in der EU bis heute keine einheitlichen, verbindlichen Höchstmengen. In Deutschland existieren nur unverbindliche BfR-Empfehlungen aus 2018, an die sich laut Verbraucherzentrale „nur wenige Hersteller“ halten. Eine EU-weite verbindliche Regelung wird laut Verbraucherzentrale frühestens mit einem Verordnungsentwurf im dritten Quartal 2026 erwartet, eine Verabschiedung nicht vor dem ersten Quartal 2028. Quelle 10 Quelle 3
Fehler 6: Risikogruppen übersehen, Beispiel Schwangerschaft und Vitamin A
Fehler 7: Ärztliche Rücksprache zu spät suchen
Vor Beginn einer neuen Dauermedikation, vor Operationen oder bei bestehender Blutgerinnungstherapie sollte aktiv angesprochen werden, welche Nahrungsergänzungsmittel eingenommen werden. Ungewöhnliche Symptome wie anhaltendes Kribbeln oder Taubheitsgefühl, unerklärliche blaue Flecken oder verlängerte Blutungen sollten zeitnah abgeklärt werden. Wer mehrere Präparate gleichzeitig einnimmt, profitiert von einer systematischen Durchsicht mit Apotheke oder Arztpraxis. Wie du überhaupt erst herausfindest, ob eine Supplementierung bei dir begründet ist, etwa bei Vitamin D, steht in „Vitamin-D-Mangel: Symptome, Ursachen, richtige Dosierung“, im Abschnitt zu den Sicherheitsobergrenzen.
Häufige Fragen
- Woran erkenne ich, ob ich ein Nahrungsergänzungsmittel überdosiere?
- Ein zuverlässiges Warnsignal gibt es nicht pauschal, die Anzeichen hängen vom Nährstoff ab. Bei Vitamin B6 etwa können Kribbeln oder Taubheitsgefühl auf zu hohe Langzeitzufuhr hindeuten. Sicherer ist es, die Gesamtzufuhr aus allen Produkten mit BfR-Empfehlungen oder ärztlichem Rat abzugleichen.
- Sind wasserlösliche Vitamine wie B-Vitamine oder Vitamin C grundsätzlich unbedenklich in hohen Mengen?
- Nein, nicht durchgängig. Vitamin B6 ist eine dokumentierte Ausnahme: Laut NIH ODS kann eine dauerhaft hohe Zufuhr Nervenschäden verursachen.
- Muss ich meiner Ärztin oder meinem Arzt sagen, welche Nahrungsergänzungsmittel ich nehme?
- Ja, das gilt insbesondere bei Gerinnungshemmern, vor Operationen, bei Antibiotikatherapien sowie in der Schwangerschaft.
- Sind hochdosierte Nahrungsergänzungsmittel aus dem Ausland automatisch besser oder sicherer?
- Nein. Da es in der EU bislang keine verbindlichen Höchstmengen gibt, können importierte Produkte deutlich höher dosiert sein, als es deutschen und europäischen Sicherheitseinschätzungen entspricht.
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Quellen
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